Sie sind hier: StartseiteWir über unsNachrichtenVier vielseitige Jahrzehnte beim Bundessprachenamt

Vier vielseitige Jahrzehnte beim Bundessprachenamt

Auch im Büro immer dabei: eine Erinnerung an die Auslandseinsätze. 
(Foto: Ruhnke/BSprA) Lupe
Auch im Büro immer dabei: eine Erinnerung an die Auslandseinsätze.
(Foto: Ruhnke/BSprA)

Vierzig Jahre arbeitet Ursula Hedfeld beim Bundessprachenamt und "noch immer gehe ich mit Spaß ins Büro". In unserem Interview berichtet die Jubilarin über eine abwechslungsreiche Zeit zwischen Hürth und Kabul bzw. Mazar-i Sharif.

Frau Hedfeld, für Ihre vierzig Dienstjahre im Bundessprachenamt haben Sie eine Dankesurkunde erhalten. Können Sie uns berichten, wie Sie 1977 zum Bundessprachenamt kamen?

Eigentlich kam ich bereits 1974 ins Amt, als ich meine Fachübersetzerausbildung für Englisch angefangen habe. Das gab es damals noch, dass man beim Bundessprachenamt eine Übersetzerausbildung machen konnte. Bei mir war das direkt nach dem Abitur. Das Auswahlverfahren in Hürth war genau zwischen den schriftlichen und mündlichen Prüfungen. Als dann die Zusage kam, mussten meine Eltern noch den Ausbildungsvertrag unterschreiben, weil man damals ja erst mit 21 volljährig war.

Was war in diesen vierzig Jahren das wichtigste Aufgabenfeld in Ihrem Berufsleben?

Die Auslandseinsätze waren definitiv das Highlight in meinem Berufsleben. Ich wollte, als die Einsätze für Frauen geöffnet wurden, irgendwann nach 2000, einfach mal die Einsatzrealität kennenlernen und ein Stück weit aus meiner Routine ausbrechen. Denn als Reservistin auf Wehrübung und in Uniform im Einsatz zu sein, das war ja doch etwas ganz anderes als das zivile Übersetzerinnenleben in Hürth. Also habe ich mich beim Einsatzführungskommando für einen Auslandseinsatz für Bosnien-Herzegowina oder Kosovo beworben. Dann habe ich erstmal ganz lange nichts gehört. Etwa ein Jahr später - 2002 - wurde ich dann gefragt, ob meine Bewerbung noch gültig sei, woraufhin ich sagte, ich hätte mich doch für gar nichts beworben. Dann stellte sich heraus, es ging um die Bewerbung für einen Auslandseinsatz. Nur mit dem Balkan wurde es nix. Ich weiß noch als wärs gestern gewesen, wie Herr Roth sagte, "ich hätte noch was in Kabul". Ich dachte mir, gut, dann also Kabul. Da wusste ich ja noch nicht, dass ich meine ersten drei Einsätze - und ich war immer über den Winter in Afghanistan - im Zelt schlafen würde.

Sie waren insgesamt über 2.500 Tage im Einsatz in Afghanistan, wie sah dort Ihre tägliche Arbeit aus?

Nun ja, meine ersten fünf Einsatztage waren sehr monoton, was die Ausnahme bleiben sollte: Wir steckten auf dem Weg nach Kabul im usbekischen Termez fest und verbrachten morgens jeweils vier Stunden sitzend in der Transall ohne dass wir je abhoben. Aber mit einem Antreten zur Vollzähligkeit ging nach der Landung am Flughafen in Kabul der Einsatz dann richtig los. Über die Jahre änderte sich die tägliche Arbeit durchaus. Zu Anfang waren wir noch viel auch außerhalb des Camps unterwegs, haben Patrouillen begleitet oder bei Besprechungen gedolmetscht. Je mehr der Einsatz institutionalisiert war, desto weniger Dolmetschen war nötig und es lagen in erster Linie Übersetzungsaufträge vor. Da kam in der multinationalen Verwaltung von ISAF/RS eine Menge zusammen von Kommandeursreden und Befehlen über Vorträge und Aufklärungszusammenfassungen bis hin zu Sonderaufträgen wie der Moderation von Kommandoübergaben für Gäste. Aber als Leiterin Sprachendienst war auch die Führung der Ortskräfte eine wichtige Aufgabe.

Was war an dieser Arbeit anders als in Ihrem Stammreferat SMD 7 und konnten Sie von der Einsatzrealität hier in Hürth profitieren?

Anders war gewissermaßen alles. Als Übersetzerin hat man eine Verantwortung für die korrekte Übersetzung von Texten, aber arbeitet doch eher für sich. Als Leiterin des Sprachendienstes ist man Ansprechpartnerin zum gesamten Themenbereich Sprachendienst für die Kameradinnen und Kameraden im Camp. Dadurch ist man bekannt wie ein bunter Hund. Das ist schon mal ein ganz großer Unterschied. Und außerdem ist die Arbeit äußerst abwechslungsreich. Profitieren kann man als Übersetzerin von der Einsatzerfahrung insbesondere, wenn man Aufträge erhält, die im direkten Zusammenhang mit den Einsätzen stehen. Man ist dann ja komplett in der Materie, auch wenn man nicht im Einsatz, sondern im Stammreferat sitzt. Diesen Vorteil könnte man aus meiner Sicht bei der Zuteilung von Übersetzungsaufträgen auch noch stärker versuchen zu nutzen.

Wo lagen die größten Herausforderungen im Einsatz und welche Erlebnisse oder Erfahrungen haben Sie aus Afghanistan mitgenommen?

Die Teilnahme am Einsatz ist auf jeden Fall eine tolle Erfahrung! Man lernt sich selbst ganz neu kennen. Man erfährt seine Grenzen und erweitert den Horizont. Ich hatte ja gerade gesagt, dass einen im Camp so gut wie jeder kennt. Für die eigene Arbeit erhält man so große Anerkennung, weil man den Menschen häufig direkt helfen kann. Das ist eine wirkliche Bereicherung. Herausforderungen gibt es viele. Zum Beispiel bestand meine Übergabe im ersten Einsatz wegen der fünftägigen Verspätung aus einem gelben Post-it-Zettel am PC-Bildschirm mit dem Einlogpasswort. Die größte Herausforderung war aber tatsächlich die Umstellung vom Übersetzen im eigenen Kämmerlein zur Personalverantwortung. In Mazar-i Sharif hatten wir bis zu 250 Ortskräfte. Das ist schon sehr fordernd, wenn man für so viele Leute Sprachprüfungen und Bewerbungsgespräche zur Rekrutierung organisiert, aber auch für Disziplin zu sorgen hat.

Sicher sind Sie auch mit hochrangigen Personen in Kontakt gekommen, wie war das?

Das waren immer spannende Begegnungen. Ganz zu Beginn der Einsätze durfte ich den damaligen Bundeskanzler Schröder als Dolmetscherin zum Gespräch mit Präsident Hamid Karzai begleiten und habe dabei gleich den ehemaligen afghanischen König kennengelernt. Mit Kanzlerin Merkel und Ex-Minister zu Guttenberg habe ich in der Truppenküche am Tisch gesessen. Ein ehemaliger Generalinspekteur begrüßte mich mal im Camp mit der Frage, "sind Sie eigentlich immer hier?". Man sieht sich also auch häufiger. Bundesministerin von der Leyen habe ich einmal bei einer Pressekonferenz gemeinsam mit einem Vier-Sterne-General der Amerikaner begleitet. Das kam aus dem Nichts und auf einmal hieß es, "in fünf Minuten die PK dolmetschen!". Zum Glück konnte unsere Ministerin das Pressestatement des Generals eigenständig verstehen, aber ihr Statement habe ich für den General im Flüsterdolmetschen nachvollziehbar gemacht.

Von Ihren ersten drei Wintern im Zelt wissen wir bereits, gab es auch andere ähnliche Vorkommnisse?

In dem Zelt waren wir in den ersten Wochen zu fünft. Eine Kollegin, ich und drei schnarchende Männer! Als man dann rausgefunden hatte, dass die Geschlechter in getrennten Schlafstätten unterzubringen waren, hatten wir beide das 6-Mann-Zelt für uns allein und konnten regelmäßig zu "Fress-Partys" mit Carepaketen aus der Heimat einladen. In Kabul gab es freitags kein Essen aus der Truppenküche, sondern EPAs (Einmannpackung), aber dafür hatten die Italiener freitagabends immer Pizza-Party in ihrer Betreuungseinrichtung mit leckerem Rotwein. Das kurioseste Erlebnis war sicher mein Besuch beim Frisör. Wir Deutschen hatten keinen, aber ich hörte, dass die Türken immer einen Frisör im Kontingent hatten. Also ging ich dorthin. Allerdings gab es während meines Haarschnitts einen Stromausfall. Nicht nur, dass der arme Kamerad aus der Türkei nun bei Taschenlampenlicht Angst um meine Frisur hatte: Das Ganze sorgte auch dafür, dass ich nicht mit meinen Begleitern zurück ins deutsche Camp fahren konnte. Aber in Kabul lief man mit ausländischer Uniform auch nicht einfach so über die Straße nach Hause. Zum Glück erkannte mich der deutsche Botschafter, der auch vor Ort war. Er lieh mir quasi seine gepanzerte Limousine, mit der ich vor dem Haupttor des Camps abgesetzt wurde. Die Wachsoldaten guckten ziemlich überrascht aus der Wäsche als ich dort antrottete.

Frau Hedfeld, wie fällt nach vierzig Jahren im Sprachendienst Ihr ganz persönliches Fazit aus?

Ich hatte ein schönes, interessantes, abwechslungsreiches und vielfältiges Berufsleben! Das hätte ich mir so zu Beginn niemals ausdenken können. Und ich gehe heute noch jeden Tag mit Spaß ins Büro, das Übersetzen macht mir Freude. Was wollte ich also mehr?



Stand vom 24.01.2018 | Interview: Ruhnke/BSprA | Foto: Ruhnke/BSprA